Offener Brief der Träger des Programms „Bleibeperspektiven in Köln“
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Vertreter*innen der demokratischen Fraktionen im Rat der Stadt Köln,
mit Entsetzen und Besorgnis nehmen wir wahr, wie die behördeninterne Kommunikation um die sogenannte „Liste aus Coesfeld“ medial und politisch zugespitzt wird. Vermutungen werden von einzelnen Medien und einzelnen politischen Kräften als Fakten dargestellt, Sachverhalte, die in keinem Zusammenhang stehen, in Verbindung gesetzt, Schlussfolgerungen gezogen, die der komplexen aufenthaltsrechtlichen Situation der betroffenen Menschen nicht gerecht werden. So entsteht der Eindruck, die Kölner Ausländerbehörde habe geltendes Recht massiv verletzt oder Abschiebungen pauschal verhindert.
Wir halten es für wichtig, die vom Oberbürgermeister veranlasste Prüfung abzuwarten und die Vorgänge auf einer gesicherten Tatsachengrundlage zu bewerten. Unabhängig von der Prüfung geben wir folgende Stellungnahme ab: Die Beschaffung von Passersatz- bzw. Rückreisedokumenten durch eine Zentrale Ausländerbehörde zum Zweck einer Abschiebung ist nicht gleichzusetzen mit der Klärung der Identität oder der Beschaffung eines regulären Passes im Rahmen aufenthaltsrechtlicher Mitwirkungspflichten. Ebenso bedeutet eine bestehende Ausreisepflicht nicht automatisch, dass eine Abschiebung im konkreten Einzelfall rechtlich und tatsächlich möglich ist. Rechtliche Abschiebungshindernisse, etwa aufgrund des Schutzes von Ehe und Familie oder des Privat- und Familienlebens, sind eigenständig zu prüfen.
In den Berichten wird immer wieder das Bleiberechtsprogramm angegriffen. Das Programm gibt
es seit Oktober 2018 und wurde noch im September des letzten Jahres mit breiter Zustimmung der demokratischen Ratsfraktionen verlängert. Es richtet sich primär an langzeitgeduldete Menschen mit dem Ziel, diese von dem Schwebezustand der Duldung in ein geregeltes Verfahren zu überführen und damit aufenthaltsrechtlich und sozial Perspektiven zu eröffnen. Dazu gehören ausdrücklich auch Identitätsklärung und die Erfüllung bestehender Mitwirkungspflichten. Menschen, die für schwere Straftaten rechtskräftig verurteilt werden, haben keinen Zugang zu
diesem Programm. Programmteilnehmende, die wegen schwerer Straftaten rechtskräftig verurteilt werden, scheiden aus.
Recht und Humanität sind die Pfeiler dieses Programms und über all die Jahre war man sich im Rat einig: Die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und Integration bei gleichzeitiger Entlastung sozialer Sicherungssysteme ist integrationspolitisch, sozial und finanziell überaus sinnvoll.
Das Programm schafft keine eigenen Bleiberechtsregelungen außerhalb des Aufenthaltsgesetzes und garantiert keine Aufenthaltserlaubnis. Aufenthaltstitel werden ausschließlich auf Grundlage der gesetzlichen Voraussetzungen erteilt.
Dazu ein paar aktuelle Zahlen:
- Aktuell werden im Bleiberechtsprogramm 1200 Menschen beraten.
- 250 Menschen wurde innerhalb der letzten 12 Monate eine Aufenthaltserlaubnis erteilt (ursprünglich waren 100 Titelerteilungen jährlich angestrebt).
- Bereits bei 100 Titelerteilungen jährlich wurde ein Einsparpotenzial bei Sozialleistungen von bis zu 900.000 Euro errechnet. Dem steht ein Fördervolumen von 410.000 Euro gegenüber. Die enge Zusammenarbeit zwischen Trägern und Ausländerbehörde sorgt für eine gut funktionierende Beratungsstruktur, die sich auch bei hohen Fallzahlen trägt.
Umso besorgter sind wir, dass diese Debatte zu einem Zeitpunkt stattfindet, zu dem die kommunalen Mittel für Beratungsangebote ohnehin unter erheblichem Kürzungsdruck stehen. Damit sind auch Strukturen gefährdet, die wesentlich zum Erfolg des Bleiberechtsprogramms beitragen.
Darum unser dringender Appell an den Oberbürgermeister und die demokratischen Parteien in Köln: Bitte sorgen Sie dafür, dass die aktuelle Debatte auf Grundlage der tatsächlichen und rechtlichen Zusammenhänge geführt wird. Setzen Sie das Bleiberechtsprogramm mit den bereits eingebundenen Trägern und auf Grundlage der bisher zugesagten Mittel fort.
Köln braucht eine Migrationspolitik, die geltendes Recht in seiner Gesamtheit anwendet und
Recht und Humanität miteinander verbindet. Geben Sie diesen Strukturen den notwendigen politischen Rückhalt.
Caritasverband für die Stadt Köln e.V. / Geschäftsfeld Integration
Tim Westerholt und Claudia Metternich
Diakonisches Werk Köln und Region gGmbH
Annette de Fallois, Leitung Fachdienst Migration
Kölner Flüchtlingsrat e.V.
Claus-Ulrich Prölß, Geschäftsführer
Rom e.V.
Simone Treis, Zweite Sprecherin des Rom e.V.

Weitere Unterzeichnende
Die folgenden Organisationen, Initiativen, Verbände und Einzelpersonen unterstützen den Offenen Brief „Für Recht und Humanität“:
Organisationen, Initiativen, Verbände
Abschiebungsreporting NRW
AfghanistanNotSafe KölnBonn
Afrikanische Gemeinde Köln e. V., Dr. Denis Kapuku Mukuna
agisra e.V.
AK Politik der Kölner Willkommensinitiativen
Allerweltshaus Köln e.V.
Alte Feuerwache Köln e.V.
Amnesty International Deutschland e. V. – Bezirk Köln
Anar Academy e.V.
Arsch Huh e.V., Manfred Post
Ausbildung statt Abschiebung (AsA) e.V.
Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen (BFmF) e.V.
Bleiberechtsprojekt „Bleib in Wiesbaden“
Bonner Arbeitskreis „Menschen ohne Papiere“
Bundesverband afghanischer Diaspora-Organisationen in Deutschland (BADO)
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Köln
Bürgerzentrum Vingst, Vingster Treff, Gülistan Çaçan
Caritaskreis St. Gereon Köln-Merheim e.V.
Caritasverband für die Stadt Köln e.V., Barbara Walz, Leistungsbereichsleitung Wohnorte für
Geflüchtete
Ceno & Die Paten e.V.
Coach e.V.
Cornelia Schulze-Simons, Mitglied im Rom e.V.
DAKO e.V. (Interkulturelles Zentrum)
Das Team und der Vorstand der Kölner Freiwilligen Agentur e.V.
Deutsch-Griechisches Kulturzentrum Köln-Porz e. V.
Emmaus Gemeinschaft in Köln eV , stellvertretend auch für Emmaus Deutschland und Emmaus
Europa
FIZ e.V.Flüchtlingsrat Baden-Württemberg e.V.
Flüchtlingsrat NRW e.V.
Gemeindeteam St. Severin
Gemeinnützige Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender e. V.
Grüne Jugend Köln, Hanna Hogen und Ida Holschbach, Sprecherinnen
Grün-Offene Liste Migration
Hessischer Flüchtlingsrat
IB West gGmbH – Wohnheim für wohnungslose Frauen
Initiative “ Willkommen in der Moselstraße“
Institut für Migration und Diversität, Technische Hochschule Köln
Integrationshaus e.V.
interKultur e.V./ Bürgerhaus MüZe
Interkulturelle Zentrum Buchheim- Raum-B, Diakonisches Werk Köln und Region gGmbH
interKutur e.V.
ISS Kinder- und Jugendhilfe g GmbH
Jüdische Gemeinde Köln e.V., Dr. Mark Frenkel
Jugendclub Courage Köln e.V.
Kellerladen – Initiative f. gemeinsame Arbeit e.V.
Köln stellt sich quer
Kölner Lokalgruppe der Initiative „Menschenwürde verteidigen. Afd-Verbot jetzt!“
Kölner Runder Tisch für Integration, Hans Oster, Sprecher
Kölner Spendenkonvoi e.V.
Kölner Verbund der Migrantenorganisationen e.V., Dr. Eugen Litvinov
Komitee für Grundrechte und Demokratie e.V.
KulturForum TürkeiEuropa e.V.
Menschenrechte-Einundzwanzig e. V. / AKAD FM-FM
Netzwerk Integration Lindenthal (NIL) e.V.
Pax christi Köln
ProAsyl/Flüchtlingsrat Essen e.V.
Redaktion des LabourNet Germany
Refugee Law Clinic Cologne e.V.
Roma Center e.V./Roma Antidiscrimination Network, Göttingenrubicon e.V.
Runde Tisch Riehl
Sea-Eye e.V. Lokalgruppe Köln
Seebrücke Köln
Shahrzad e.V. Verein für gehörlose Geflüchtete und Migrant*innen
Sozialistische Selbsthilfe Köln – SSK e.V.
Sozialistische Selbsthilfe Mülheim SSM e.V.
Teachers for Future Germany e.V.
Veedel e.V. – Gemeinwesenarbeit in Köln
Verein Roma-Service, Kleinbachseiten, Österreich
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) Köln
Werkstatt für Musik, Kunst, Tanz, Theater e. V.
Willkommensinitiative hallo in sülz
work-watch e.V., Köln
Einzelpersonen
Ahmet Edis, 1. stlv. Vorsitzender des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration Köln
Alexander Biesinger, ehrenamtlicher Vormund
Alfred Gehrmann, Ehrenamtlicher Mentor im Netzwerk Ehrenamtliche Einzelvormundschaft Köln
Andreas Vetter (ehem. städt. Geschäftsführer des Integrationsrates / Ausschuss für
Chancengerechtigkeit und Integration)
Angelika Link -Wilden, Sprecherin Köln stellt sich quer
Angelika Wuttke, Diplom-Psychologin
Anja Tuckermann, Schriftstellerin
Anne Petersen, Köln
Anton Lechner
Dr. Bele Grau, Köln
Bernd Geiß, Mitglied des Kölner Runden Tisches für Integration
Bernd Rustemeyer, Geschäftsführer, KJA (Katholische Jugendagentur) Köln gGmbH
Bernhard von Grünberg MdL a.D., Aufsichtsratsvorsitzender der UNO-Flüchtlingshilfe
Birgit Duncker
Birgit MeineckeBrigitta von Bülow
Chaymae Zeriouh
Claudia Düx
Cordula Kolarik
Dr. Cornelius Lätzsch, katholische Hochschule NRW, Abteilung Köln
Daniel Lindner/Köln/Sozialpädagoge
Diderk Wirminghaus
Dîlan Yazicioglu, Sprecherin für Migration und Flucht
Eckhard Leue
Prof. Dr. Elizabeta Jonuz
Elizaveta Khan
Elmar Osterhaus
Emil Brütsch, Bergisch Gladbach
Eva Politt, Musikerin
Florio Frensch
Franz-Josef Bertram
Gabi Klein
Gabriele Merci
Gabriele Strahl, Leitung Zurück in die Zukunft e.V.
Hanno Meyer-Barner
Helmut Becker
Dr. Hilde Hoffmann, Ruhr-Universität Bochum
Horst Samsel
Ilona Obergfell, Dipl. Sozialpädagogin & Traumapädagogin
Inga Feuser, Lehrerin
Ingrid Rasch, Caritasbeauftragte (ehrenamtlich) der Katholischen Kirchengemeinde St. Severin
Köln
Johanna Rehermann, ehrenamtlich in der Geflüchtetenhilfe tätig
Juliane Antoine, Ehrenamtliche Begleiterin von geflüchteten Menschen, Afghanistan NotSafe Köln
Bonn
Jutta Manecke
Katja Poredda – Frauenpolitische Sprecherin, Vorstand GRÜNE KölnLara Âror, Psychologische Psychotherapeutin
Lina Hüffelmann
Linda Holzhausen und André Holzhausen
Livia Trojanus, Lehrerin, Köln
Luise Martin
Lydia Höll-Ohlerth
Margarethe Bueren
Maria Hartmann-Feltes
Marita Blauth, Sozialpädagogin, Bonn
Marius Griesecke
Markus Wild, Rechtsanwalt
Martin Stankowski
Martina Goldschmidt
Martina Schönhals, Diakonie Köln und Region, Geschäftsführerin
Dr. Matthes Heller
Michelle Achour
Mimo Schimke, Jurist:in, Köln
Nina Göpel, Caritasverband für die Stadt Köln e.V.
Nina Hustadt
Norbert Hüsson, Netzwerk Integration Lindenthal
P. Wolfgang Jungheim i.R., Pax Christi- und Pro Asyl – Mitglied
Paul Feltes
Peter Dippoldsmann
Peter Heinzke
Dr. Petra Pinger
Ramin Mir-Montazeri
Regine Wittram
Rita Lück
Rolf Simons
Rosemarie Schatter, – proVision –
Rosi Görgens
Sascha WolfsholSaskia Militz
Seán McGinley, grenzueberschreitungen.blog
Soraya Geara, Sozialarbeiterin
Susanne Kremer-Buttkereit
Prof.in Dr. Susanne Spindler, Hochschule Düsseldorf
Susanne Weeger
Teresa Liesenfeld, Bürgerin der Stadt Köln
Thomas Bischofs
Timo und Annika Hilleke
Uli Hahn, Bonn
Ulrike Goldbach
Verena Schumacher – blick weiter
Viola Brings
Winfried Ohlerth
Prof. Dr. Wolf.-D. Bukow, Universität zu Köln
Wolfgang Pilgrim
Xenia Ehm